System Eisberg
(1995)
VADIM ZAKHAROV GILT ALS EIN DICHTER unter den Künstlern, als Dichter des Traums, des Spiegels, des Doppels, der Spaltung. Sein hintergründiges Spiel mit Bild und Abbild, mit dem Selbst und dem Anderen findet den vielleicht prägnantesten Ausdruck in seiner Bemerkung: ”Allmählich wird es nicht mehr möglich sein festzustellen, was zuerst war.“ Selbst die langsame Auflösung seiner eigenen Person als Autor erscheint denkbar, indem er kontinuierlich reale und fiktive Personen in sein Werk miteinbezieht. Wer ist wer, wer tut was? Das ist hier die Frage. Dieser Umstand aber führt zielgerichtet und schließlich geradewegs in die Sackgasse der Unentscheidbarkeit. Wir werden nicht mehr wissen, wer welches Bild geschaffen hat, wer welche Seite geschrieben hat, wer welche Funktion inne hat.
Ich lernte Vadim Zakharov in München kennen, kurz nach seiner ersten Ankunft im Westen im Spätfrühjahr 1989. Seitdem haben sich unsere Wege nicht mehr getrennt. Ich suchte immer aufs Neue seine Nähe, die Gespräche mit ihm, in der Hoffnung, im steten Gedankenaustausch immer mehr von seinem Denken und von seinem Werk zu verstehen. Aber irgendwie gelingt es mir nicht so recht - auch anderen Freunden, so höre ich bisweilen, geht es nicht anders. Man glaubt sich seinem Werk schrittweise zu nähern, doch immer wenn man sich ihm schon ganz nahe fühlt, ist Zakharov schon wieder um Längen in sein hermetisches Territorium entrückt. Es soll Leute geben, die allein darum sein Werk geringer schätzen, weil sie über das Ausbleiben von erkennbaren Resultaten müde geworden sind. Ich aber erkenne darin in keinem Falle etwas Ermüdendes; ganz im Gegenteil, mich beflügelt dieser Prozeß. Es mag doch nicht angehen, daß ein Kunstwerk alleingelassen wird, nur weil es ihm scheinbar so sehr an einer systematisierenden Ordnung und Logik mangelt, nur weil es eine geduldige Suche nach Verständnis voraussetzt. Seine Größe spiegelt sich ja darin wieder, daß es von uns ein Verständnis voraussetzt, das noch jenseits von unserem strukturierten Erfahrungshorizont liegt. Und es verhält sich so: Auch ein Kunstwerk hat so etwas wie ein moralisches Recht, etwas von uns zu erwarten. Und sei es eben eine Richtungsänderung unseres erwartungsvollen Denkens.
Wie sind die ”Bilder“ nun wirklich von Vadim Zakharov? Was steckt in oder hinter der Verschiedenheit seines künstlerischen Werkes? Jede Formung des Menschen, jede Kultur, jede Zivilisation, jede Ordnung beruht auf Schichtungen und Unterschieden, die den Gegensatz zur natürlichen Folge haben. Doch weniger um Ausgleich der Gegensätze im Sinne einer versöhnenden Einheit geht es Zakharov in seinem künstlerischen Werk, vielmehr geht es um eine umfassende Anerkennung der Notwendigkeit aller Gegensätze. Ein künstlerisches Werk aber jenseits aller Gegensätze wäre das Nichts, und wäre zugleich das Universum. Aber diesem Werk können wir bislang nicht beikommen, es ist uns unerkennbar, denn wir alle vermögen nur in Gegensätzen zu erkennen - wir sind an Tag und Nacht, an Oben und Unten, an Wärme und Kälte gebunden. Für den einen scheint ein Ding etwas endgültig Seiendes zu sein, für den anderen ist es etwas Werdendes, Veränderliches und Wandelbares. Und jede Vision, jeder Traum, jeder Einfall und Gedanke eines Menschen kann, auf dem Weg vom Unbewußten zum Bewußtwerden, tausend verschiedene Deutungen erfahren, deren jede richtig sein kann. Die Gegensätze unserer Existenz werden in Zakharovs Werk neu gesetzt und gedeutet, sie erfahren – in einer künstlerischen Form dargestellt – eine Umdeutung und Umwertung. In seinem Werk regen sich die Gegensätze, so daß alles zweifelhaft wird und jedes Gesetz ins Wanken gerät – bis hin zur bisher nicht möglich gehaltenen Unentscheidbarkeit der Gegensätze.
Vadim Zakharovs gesamtes Werk entzieht sich – selbst bei intimer Kenntnis – einer eindeutigen und entschiedenen Interpretation – stets könnte alles ”auch anders“ sein. Der Tradition einer spezifischen russischen Geisteshaltung eng verbunden, stellt Zakharovs Werk weniger einen ”Ort“ der Identifikation als vielmehr einen ”Ort“ der Identität dar. Von Anbeginn seiner künstlerischen Tätigkeit im Umfeld des “Kreis der Moskauer Konzeptualisten” entwickelt Zakharov eine künstlerische Arbeitsweise, deren ”Episoden“ sich stets wieder aufeinander beziehen und miteinander vernetzt sind. So tauchen in seinen Arbeiten fiktive Personen auf wie der Pirat, der Mann mit dem Rüssel, der Gärtner (eine Augenbinde auf der rechten Wange), der Zwerg (eine Augenbinde über dem Mund), Madame Schleuse (eine Augenbinde zwischen den Augen), der Marquis sowie Aida und seit einigen Jahren der ”kölnische“ Pastor Zond - wobei jeder Person in diesem Reigen eine bestimmte Funktion und Aufgabe zufällt und sie untereinander durch verschiedene Handlungsstränge in Dialog treten können. Es ist gerade die eigenwillige Art des Zitierens und Verweisens, ohne dabei auf Vollständigkeit oder Zusammenhänge zu bestehen, die Zakharov von der älteren Generation der Moskauer Konzeptkünstler unterscheidet. Seine Schaffensprozesse sind fließend und unbestimmt: Kein Bild ist mehr an seinem angestammten Platz. Die Übertragung der künstlerischen Tätigkeit in ein anderes, eigentlich kunst-fremdes Territorium – gegeben sei hier beispielsweise eine Ausstellungsform in Gestalt eines Parks – initiiert den Austausch zwischen Wirklichkeit und Illusion und gründet auf den spezifischen Arbeitsmethoden der Moskauer konzeptualistischen Szene. Dieser Austausch ist immer auch beabsichtigte Täuschung, geprägt von den Erfahrungen der sowjetischen Herkunft Zakharovs: von dem inneren Zwang, etwas sagen zu müssen und dem äußeren Zwang, nicht alles sagen zu können.
Humoristisch winden sich die Wege durch das Labyrinth maskierter Bilder, ge-heimnisvoller Worte und doppeldeutiger Geschichten. Zakharovs künstlerische Erzählweise nimmt die Verbindung zwischen Literatur und Kunst auf, wie sie der westlichen Kunst so fremd ist. Dabei vernetzt sein Werk, verbindet wertfrei und in selten gesehener Harmonie alle bekannten künstlerischen Ausdrucksformen (z.B. Text, Zeichnung, Malerei, Skulptur, Installation, Video und Computergraphik) zu einem künstlerischen Modellversuch. In Vadim Zakharov selbst vereinigen sich schließlich die unterschiedlichsten Tätigkeiten, wie die eines Künstlers, Archivars, Foto- und Videodokumentalisten, Sammlers und Verlegers seiner eigenen Zeitschrift und Herausgeber einer Kinderbibliothek. Indem er beständig die Ebenen von Text, Bild, Aktion und Bühne und Film vermischt, gelingt ihm ein vielfaches Verweisen auf seine unterschiedlichen Tätigkeiten als Künstler. ”Mein System“, so notierte er einmal, ”ist ein Eisberg. Der Teil unter Wasser existiert, und der Teil über Wasser entwickelt sich aus diesem und hängt von ihm ab. Es ist ein zusammengehöriger Organismus.“ Wobei es für Zakharov wichtig ist, ” daß das Modell erkranken kann, gleich einem lebendigen Organismus. Interessant wird eine Arbeit, wenn sie viele Schichten aufweist. Einige kann man vielleicht verstehen, den Rest jedoch nicht.“ Und ganz beiläufig – dabei philosophierend – erinnert Zakharovs künstlerisches Werk an die zunehmend undurchsichtige und diffuse Lage der Welt. Man mag sich schließlich angesichts eines solchen Werks sogar an Franz Kafkas Notat erinnern, wonach sich Philosophen immer dort herumtrieben, wo Kinder waren. Und während wir als Kinder uns früher in Gärten unseren kindlichen und doch so entschiedenen Spielen widmeten, flanieren wir heute als Erwachsene durch schön gestaltete Parkanlagen.