Vadim Zakharov – Sammlung, Verlag, Archiv.
Zwischen Bewahren-wollen und Verschwinden-müssen
Hinter, vor oder in dem Werk des Verlegers, Autors, Typographen und Produzenten der Pastor Zond Edition verbirgt sich nicht nur der wichtigste Chronist und Dokumentalist des so genannten Moskauer Konzeptualismus, sondern auch ein Sammler vieler bedeutender Werke dieser Kunstrichtung. Dabei sind die verschiedenen Tätigkeiten des Sammelns, Archivierens und Dokumentierens dem eigenen Werk gegenüber nicht vor- oder nachgeordnet, sondern gehen Hand in Hand mit dem Produzieren, Schaffen und Erfinden. Doch dem liebevollen Gestalten von Texten und Büchern, dem mühsamen Archivieren und Dokumentieren aller Ausstellungsaktivitäten der Moskauer konzeptuellen Schule auf Video, dem sorgfältigen Sammeln und Bewahren in Alben und Mappen, ja sogar der Selbstinszenierung in Performances und Installationen steht die Tendenz des eigenen Verschwindens gegenüber. Diese bescheidene Haltung des Understatements wurzelt nicht nur in Zakharovs Ausbildung zum Typographen, der sich in Dienst nehmen, sich einfühlen und zurücknehmen muß, sondern entspricht einem wesentlichen Leitmotiv des Moskauer Konzeptualimus. Flug, Entfernung, Verschwinden – so lautete der Titel einer der ersten großen Überblicksausstellung der konzeptuellen Moskauer Kunst, deren Katalog naturgemäß von der Pastor Zond Edition gestaltet wurde.1 Darin wird das Motiv des Verschwindens in seiner Kontinuität und Veränderung von den Anfängen der russischen Avantgarde über die erste Generation der Moskauer Konzeptualisten um Ilya Kabakov bis zur jüngeren Generation zeitgenössischer Künstler verfolgt. Von dem suprematistischen Leitmotiv der Leere über die Sehnsucht nach Freiheit und Transzendenz impliziert das Motiv des Verschwindens auch das Problem der Identität vor dem Hintergrund der Emigration.
Als eine Illustration dieser Entwicklungslinie läßt sich die auf einer 36m langen Papierrolle gezeichnete Kurze Geschichte der Modernen Kunst oder Leben und Sterben des Schwarzen Quadrats von Nikita Alexejev verstehen. Sie bildet nicht nur das Herzstück der Sammlung Zakharov und die optische Verbindungslinie zwischen den beiden ausgestellten Sammlungen Oroschakoffs und Zakharovs, sondern zugleich selbst ein Stück Exil(vor)geschichte. Es ist die letzte Arbeit von Alexeev bevor er 1986 nach Paris ging. Der gelernte Illustrator Alexeev gehörte in den 70er Jahren der Gruppe Kollektive Aktionen an und unterhielt Anfang der 80er Jahre in seiner Wohnung die sogenannte Apt-Art Gallery, die ein wichtiger Platz für aktuelle Kunst in Moskau war, wo auch Zakharov 1983 zusammen mit Viktor Skersis ausstellte. Um seine Ausreise zu finanzieren, veranstaltete Alexeev eine Auktion seiner Werke in seinem Atelier in der Furmanny Straße, zu der er Künstler und Sammler einlud. Zakharov ersteigerte bei dieser Auktion die Rolle für 50 Rubel. Die comicartige Entwicklungsgeschichte beginnt mit der Geburt des schwarzen Quadrats aus einem Ei, erzählt von dessen Höhenflügen – das Quadrat hat kleine Flügel bekommen – und führt über die verschiedenen Revivals bis zu seinem Tod am Galgen. Diese ironische Reflexion über die Bilder der eigenen Utopien und Ideologien, die jede Möglichkeit einer alternativen Utopie oder Ideologie ins Leere laufen lässt, kennzeichnet die russische aktuelle Kunst der letzten zwei Jahrzehnte.
Wie die meisten seiner Künstlerfreunde reiste Zakharov 1989 in den Westen aus. Die welthistorische Dimension dieser Zäsur spiegelt sich nicht nur in der persönlichen Biographie, sondern auch in dem Werk und der Sammlung Zakharovs wieder. Waren Werk und Sammlung zunächst noch voneinander getrennte Bereiche, so beginnen beide nach der Ausreise vollständig ineinander aufzugehen. Als verbindende Klammer zwischen dem Bewahren-Wollen und Verschwinden-Müssen begründete Vadim Zakharov seine Pastor Zond Edition, die nicht nur zum Sammelbecken, sondern auch zum Auftraggeber und Initiator für zahlreiche Projekte und Werke der Moskauer Konzeptualisten geworden ist.
Die Pastor Zond Edition ist keine gewöhnliche Edition, sondern ein Hausverlag mit Sitz in der Gleulerstraße 22 in Köln, wo Zakharov seit 1990 lebt und arbeitet. Ihr wichtigstes Organ ist die periodische Zeitschrift Pastor, die in einer kleinen, handgefertigten Auflage bisher in acht Ausgaben, leider weitgehend auf Russisch erschienen ist. Pastor ist eine thematische Zeitschrift, die aktuelle Probleme der zeitgenössischen Kunst, Kunstwissenschaft, Literatur und Philosophie zur Diskussion stellt. Die Textbeiträge und Illustrationen stammen von russischen Künstlern und Dichtern der Moskauer konzeptuellen Schule. Zu den Verfassern gehören vor allem die russischen zeitgenössischen Künstler: Yuri Albert, Erik Bulatov, Andrei Monastyrski, Ilya Kabakov, Komar & Melamid, Yuri Leiderman, Oleg Vasiliev, Viktor Pivovarov, Andrei Filippov, die Gruppe Medhermeneutik, einige westliche Künstler – Terry Atkinson, Rainer Ganahl – sowie Dichter wie Dmitri Prigov, Lev Rubinstein, Michail Suchotin und Philosophen wie Boris Groys, Michail Ryklin, Viktor Tupitsyn und andere. 1992, also unmittelbar nach dem Fall des eisernen Vorhangs gegründet, vollzieht und thematisiert die Pastor Zond Edition somit den ideologischen Übergang – im phonetischen Pas-Tor – von Ost nach West. Dabei versteht sich deren Erfinder Zakharov auch als Pastor im Sinne des Hirten, der seine verstreuten Künstlerfreunde wie Schafe vorsichtig aufspürt (Zond: Sondieren) und zusammenhält. Damit bildet die Zeitschrift Pastor ein Diskussionsforum und eine Art Heimatersatz für die seit der Perestroica in alle Welt verstreuten Künstler, allzumal die Zeitschrift Pastor von ihrem Erscheinungsbild her in der vertrauten russische Tradition des Samizdat steht, der handgefertigten Druckerzeugnisse der inoffiziellen russischen Kulturszene. War seinerzeit das totalitäre System und die Zensur der Hintergrund für die von Hand gedruckten Publikationen des Samizdat, so kultiviert Zakharov diese aus einer inhaltlichen in eine wirtschaftliche Zwangslage transformierte Produktionsweise. Nicht ohne nostalgischen Unterton und Ironie stellt sich dabei die Frage, was die Produktionsbedingungen eines totalitären Heimatstaates von denen einer freiheitlichen Demokratie unterscheidet? Und was im Zeitalter des Computers noch die handgefertigte von der maschinellen Produktion unterscheidet?
Im Rahmen der Pastor Zond Edition entwickelt Zakharov ein ungewöhnlich kompliziertes und sorgfältig ausgearbeitetes Netzwerk zwischen den Künstlern des Moskauer Konzeptualismus, in dem die eigene Mythologie und Geschichte dieser Gruppe selbst zum Gegenstand der Kunst gemacht wird. So erbat Zakharov 1994 für die Edition Pastors Umschlag von zwanzig Künstlern einen Umschlag- entwurf für seine Zeitschrift. Jeder dieser Entwürfe wurde auf zwanzig rote Papierblätter gedruckt, die in einer handgefertigten Mappe liegen, während die Originalentwürfe in der Sammlung des Künstlers verblieben. Nach einem ähnlichen Prinzip ist auch die Edition Aus der Vita des durchnäßten Starez (1993/94) aufgebaut, die aus zwei Leporellos besteht. Das schwarze Leporello enthält 19 Initialen der Moskauer Künstler, die jeweils durch ein Computer-Dateifenster gerahmt sind. Das weiße Leporello enthält 19 Schwarzweißphotos derselben Künstler im Kindesalter. Die ironische Kultivierung der eigenen Mythen- und Gruppenbildung bringt der unverfälschten Kreativität des Kindesalters eine besondere Wertschätzung entgegen. So arbeitet Zakharov seit 1994 an der Sammlung seiner Pastor Zond Kinderbibliothek, für die er die Text- und Bildbeiträge seiner Kinder und der seiner Freunde, aber auch von Künstlern, die sich ein kindliches Gemüt bewahrt haben, zu 25 Bänden in 3 Schubern verarbeitet hat. Wie auch bei seiner Zeitschrift Pastor übernimmt Zakharov dabei gerne die bescheidene Rolle des Typographen und Herausgebers und überlässt anderen die Worte und die Bilder, um sie anschließend mit behutsamen Eingriffen zu ordnen und zu gestalten. Hier lässt sich eine neue Nuance des Verschwindens festmachen, die Milena Slavická mit dem Wort des Ausweichens umschrieben hat, “Ausweichen z.B. vor jeglicher Interpretation des Werkes oder vor der Bestimmung der eigenen Autorschaft.”2 Diese Tendenz zeigt sich bei den Moskauer Konzeptualisten in dem wiederkehrenden Phänomen der Gruppenbildungen oder Gemeinschaftsproduktionen. So findet Zakharovs Zusammenarbeit mit Sergei Anufriev Eingang in die Edition Deadend as a Genre 1997/98, in der die Gespräche über die verschiedenen Arten von Sackgassen gesammelt sind. Auch in dem Buch der Edition Die Tötung des Madeleine-Gebäcks 1997 sind Texte verschiedener zeitgenössischer Künstler, Philosophen und Komponisten zusammengefasst, die entsprechend einer “Versuchsanordnung” Zakharovs un-mittelbar nach dem Genuss des Madeleine-Gebäcks geschrieben worden sind. Den Hintergrund bildet eine merkwürdige Verflechtung von Episoden aus den Romanen Der Prozess von Franz Kafka und Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust. Es geht laut Zakharov “um das Gedächtnis und das kollektive Unterbewusste, deren Symbol bei Proust die Madeleine ist.” Der Madeleine-Prozess endet mit dem Todesurteil, das bei einer Aktion des Steirischen Herbst in Graz am 28. September 1997 um 19.56 Uhr vollstreckt wurde. Aus diesem traurigen Anlass komponierte der Musiker Ivan Sokolov ein Requiem auf den Tod des Madeleine-Gebäcks, das wiederum Bestandteil der gesamten Edition wurde.
Eine andere Form des Verschwindens praktiziert Vadim Zakharov in seinem ständigen Rollenspiel, das sich nicht nur in seinen unterschiedlichen Funktionen erschöpft, sondern mittlerweile ein ganzes Repertoire unterschiedlicher Personagen oder literarischer Figuren umfasst: vor seiner Hauptrolle als Pastor, die Zakharov in der postsowjetischen Ära übernommen hat, trat er in verschiedenen Projekten als “Einäugiger”, “Pirat” und “Gärtner” auf. Im schwarzen Talar des Pastors, den Zakharov zeitweilig bei wichtigen Gelegenheiten und Auftritten getragen hat, schlüpft er in weitere Rollen und legt damit Maske über Maske: so begibt er sich beispielsweise nach Spanien auf die Suche nach dem Ritter von der traurigen Gestalt, indem er auf den Spuren Don Quijotes dessen Abenteuer im Foto nachstellt, die im dritten Buch der Lustigen und traurigen Abenteuer des dummen Pastor zusammengefasst sind. Die Personagenhaftigkeit seines Werkes verbindet Zakharov mit einer Tradition des Moskauer Konzeptualismus, der auch Ilya Kabakov verpflichtet ist. In eben diesem Sinne beschreibt Boris Groys den russischen Künstler “als Figur eines humoristischen Romans”. Der ständige Perspektivenwechsel beruht auf dem grundsätzlichen Zweifel, die Wirklichkeit mittels künstlerischer Zeichensysteme darstellen zu können – seien es die ideologischen Zeichensysteme des sozialistischen Realismus oder die idealistischen Zeichensysteme der Moderne. Unverkennbar haben hier die strukturalistischen und poststrukturalistischen Theorien genau wie im Westen auch im Russland der 60er bis 80er Jahre großen Einfluss ausgeübt. Wenn es also mit keiner der verschiedenen visuellen Sprachen der Kunst gelingt, die Wirklichkeit zu beherrschen, so bleibt nur die Möglichkeit, dieses permanente Misslingen zum Thema der Kunst zu machen. Zakharov tut dies, indem er auf der Bühne der Wirklichkeit ständig die Rollen wechselt und sich ihrer verschiedenen künstlerischen Sprachen wie unterschiedlicher Rollentexte bedient. Dabei handelt es sich genau genommen immer um dieselbe Rolle in allen denkbaren Variationen: es ist die Figur des Pechvogels, hier des dummen Pastors, die zum Scheitern verurteilt ist, ohne es zu ahnen. Die Kunst des Moskauer Konzeptualismus, die scheinbar “nicht in ihrem eigenen Namen” gemacht wird, sondern in dem einer erfundenen Figur ist, wie Groys weiter ausführt, zutiefst literarisch. Sie steht in der Tradition der russischen humoristischen Literatur eines Gogol, Dostojewski oder Tschechow, auf die sich Zakharov an verschiedenen Stellen seines Werkes direkt bezieht. An dieser Stelle wäre allerdings zu untersuchen, inwiefern “Der russische Künstler als Figur eines humoristischen Romans” tatsächlich ein spezifisch russischer Typus ist, oder ob seine Beschreibung nicht genausogut auf Künstler wie z.B. den Belgier Marcel Broodthaers oder den Kanadier Rodney Graham zutrifft. Mit beiden Künstlern verbindet Zakaharov die Selbstinszenierung in unterschiedlichen Rollen und Funktionen, die Selbstkommentierung des eigenen Werkes, die Anknüpfung an literarische Referenzfiguren des 19. Jahrhunderts, ein ähnlicher Sinn für Humor, der stets ein Opferhumor mit melancholischer Note ist, und immer wieder die Liebe zur Typographie.
Die ästhetische Qualität von Zakharovs Arbeiten liegt darum auch in der höchsten Verfeinerung typographischer Gestaltung, die bei aller Bescheidenheit ihrer dienenden Funktion eine subtile Entsprechung zu ihrem Inhalt sucht. Bei aller Vielgestaltigkeit unterschiedlichster Formate und Medien zeichnen sich alle Publikationen der Pastor Zond Edition durch ihr streng ästhetisches Erscheinungsbild aus, das den zeitlosen Regeln einer klassischen Typographie folgt. Mit akribischer Sorgfalt sind die einzelnen Werke als Serien und Reihen angelegt, in Sammlungen zusammengefaßt und neuerdings in eigenen Werkver-zeichnissen nach Gattungen gegliedert. Dabei steht Zakharovs Methode eines sich “selbst entwickelnden Systems” immer die Neigung zur retrospektiven Zusammenfassung seines bisherigen Schaffens gegenüber. Doch die strenge Organisation des eigenen Werkes und die freiwillige Unterwerfung unter typographische Grundregeln zeugen nicht nur von Bescheidenheit und Understate-ment, sondern dienen auch als selbst gewähltes Korsett für die überbordenden Phantasien, absurden Einfälle, wahnwitzigen Ideen und spirituellen Höhenflüge des Vadim Zakharov.
1. Flug, Entfernung, Verschwinden. Konzeptuelle Moskauer Kunst
Hrsg. von Kathrin Becker, Dorothee Bienert, Milena Slavická, Ausst.-Kat.,
Galerie Hlavniho Mesta Prahy, Prag; Haus am Waldsee, Berlin; Stadtgalerie im Sophienhof, Kiel,
Cantz Verlag, Ostfildern 1995
2. Milena Slavická: Flug, Entfernung, Verschwinden, in: Flug, Entfernung,
Verschwinden (wie Anm.1), S. 36
3. Boris Groys: Die Erfindung Russlands, München, Wien 1995, S. 205-212
4. Groys 1995 (wie Anm.1), S. 211